Monat: Juli 2019

Und täglich grüßt die Blechlawine

Auch wenn Bürgermeisterin Marion Dhur beteuert, dass die Studie zum Bau der N62-Umgehungsstraße (St.Vith-Wemperhardt) „noch nie so weit fortgeschritten war wir heute“, gibt es in der Gemeinde Burg-Reuland immer noch Zweifel, ob dieses „Jahrhundertprojekt“ tatsächlich irgendwann mal durchgeführt wird. Sie werden vor allem genährt durch den Umstand, dass das Bauvorhaben nicht im Infrastruktur- und Mobilitätsplan 2019-2024 der Wallonischen Region auftaucht.

Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Parlament in Namur hatte auch der ehemalige SP-Regionalabgeordnete Edmund Stoffels sein Unbehagen über den schleppenden Verlauf dieses Straßenbauprojekts zum Ausdruck gebracht. Stoffels sprach gar von einer „Hinhaltetaktik“ der Entscheidungsträger in Namur, wenn die Rede davon sei, dass die Strecke weiter „studiert“ werden müsse.

Immerhin sind seit der öffentlichen Informationsversammlung im Vorfeld der Umweltverträglichkeitsprüfung für die Umgehungsstraße, zu der am 4. Juni 2018 rund 180 interessierte Bürger im Saal Unitas in Grüfflingen erschienen waren, 13 Monate ins Land gezogen, ohne dass für die Öffentlichkeit erkennbare Fortschritte erzielt wurden. Doch hinter den Kulissen werde sehr wohl intensiv an der Akte gearbeitet, wie sich Marion Dhur von der zuständigen regionalen Straßenbauverwaltung bestätigen ließ. „Wie jeder weiß, handelt es sich um eine schwierige Akte. Im Zuge der öffentlichen Untersuchung gingen immerhin 600 Bemerkungen aus der Bevölkerung ein, die von den Planern gesichtet, ausgewertet und auf ihre Relevanz und Umsetzbarkeit geprüft werden müssen.“

Für Marion Dhur gilt noch immer die Zusage des damaligen Straßenbauministers Maxime Prévot.

Diese Arbeit solle aber noch in diesem Sommer abgeschlossen werden, damit auf Grundlage dieser Studie das definitive Lastenheft erstellt und der Bauantrag gestellt werden kann. Sobald dies der Fall sei, solle das Gemeindekollegium über den aktuellsten Stand der Dinge informiert werden. „So sind wir bei unserem letzten Kontakt mit der Straßenbauverwaltung verblieben“, erklärt Marion Dhur. Und was die Finanzierung betrifft, so geht die Bürgermeisterin davon aus, dass die 2015 vom damaligen Straßenbauminister Maxime Prévot (CDH) getätigte Zusage, das auf 25 bis 30 Millionen Euro geschätzte Straßenbauprojekt in drei Abschnitten zu finanzieren und acht Millionen Euro für den ersten Abschnitt ins Budget einzutragen, nach wie vor Gültigkeit hat. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass der heutige CDH-Präsident Prévot seiner Partei nach der jüngsten Regionalwahl eine Oppositionskur verordnet hat und eine neue Regierung in Namur noch nicht gebildet wurde.

Kein Geheimnis sei indes, dass es zu Verzögerungen bei der technischen Studie der auserkorenen Trasse gekommen sei, weil einige Landeigentümer, die mit dieser Trasse nicht einverstanden seien, den Mitarbeitern des Studienbüros offenbar gezielt Steine in den Weg gelegt bzw. diesen den Zugang zu ihren Ländereien für die erforderlichen Messarbeiten untersagt hätten. „Mir leuchtet ein, dass nicht alle Einwohner mit der ausgewählten Strecke einverstanden sind, aber wenn man mir sagt, dass es sich um die einzig mögliche Trasse handelt, dann kann ich damit leben. Sollte wider Erwarten aber nochmal eine alternative Strecke aufs Tapet kommen, die den Wünschen der Bevölkerung besser entspricht, wäre dieser aus meiner Sicht aber ebenfalls OK.“

„Jeden Tag sehen wir hier Lkw, die auf der N62 eigentlich nichts verloren hätten.“

Maßgebend sei, dass keine Dörfer mehr durch diese vielbefahrene Transitstrecke, auf der laut offiziellen Verkehrszählungen täglich rund 11.000 Fahrzeuge unterwegs sind, in zwei geteilt werden, so die Bürgermeisterin weiter. „Selbstverständlich ist es unser Wunsch, dass es nun möglichst zügig vorangeht, aber das liegt nicht in unserer Hand. Hilfreich wäre auf jeden Fall, wenn in dieser Akte zusammen- und nicht gegeneinander gearbeitet würde.“

So sehen es mittlerweile auch die Vertreter der Bürgerinitiative „N62 – Jetzt reicht’s“, die sich vor elf Jahren nach einem Tanklastzugunfall in Dürler gegründet hatte und seither für den zügigen Bau einer Umgehungsstraße mobil macht. „Wir erkennen die Bemühungen der Gemeinde Burg-Reuland in dieser Akte an. Da hat sich schon einiges verbessert, seit Marion Dhur im Gemeindehaus das Sagen hat“, so Gerd Hennen, Joseph Verheggen und José Reitz auf Nachfrage gegenüber dem GrenzEcho. Dennoch sei die Unzufriedenheit vieler Anwohner der aktuellen N62 absolut nachvollziehbar. „Wir wissen, dass die Mühlen der Politik langsam mahlen, aber in der Zwischenzeit werden die Auswirkungen auf unsere Lebensqualität nicht weniger, sondern mehr.“ Vor allem das Lkw-Aufkommen sei gerade in den letzten Jahren erheblich gestiegen. „Es war ja zuletzt sogar Thema eines TV-Beitrags der ZDF-Sendung Wiso, dass Lkw-Fahrer im Transitverkehr gezielt einen kleinen Umweg über Luxemburg in Kauf nehmen, um im Ländchen günstig tanken zu können. Jeden Tag sehen wir hier Lkw, die hier eigentlich nichts verloren hätten“, so Gerd Hennen.

José Reitz macht sich nicht erst seit gestern Sorgen um die Gesundheit der Anwohner: „Abgesehen von der Verkehrssicherheit, die in unseren Dörfern sehr problematisch ist, sind die Lärmbelästigung und die Beeinträchtigung der Luftqualität Dauerthemen. Es ist ja mittlerweile wissenschaftlich bewiesen, dass eine permanente Lärmbelästigung lebensverkürzend ist.“

Doch auch den Wirtschaftsfaktor dürfe man nicht außer Acht lassen, findet Gerd Hennen: „Ich kenne einige Unter- nehmer, die es leid sind, dass ihre Mitarbeiter jeden Tag zwischen St.Vith und Wemperhardt im Stau stehen.“

Von der Politik erwarte man, dass man an den einmal getroffenen Beschlüssen festhalte: „Jeder weiß, dass wir als Bürgerinitiative für eine andere Trasse plädiert haben, die westlich am Thommer Weiher nach Schmiede geführt. Es wäre die kürzeste und kostengünstigste mit den geringsten Höhenunterschieden gewesen und alle Dörfer wären entlastet worden. Wenn man sich damals für sie entschieden hätte, wäre sie vermutlich längst gebaut“, glaubt Joseph Verheggen. Weil dies aber damals nicht gewollt war, solle man nun zumindest alles dafür tun, dass die Kompromisslösung nicht auf der St. Nimmerleinstag verschoben wird. „Das muss man sich mal vorstellen: Seit 65 Jahren ist von dieser Umgehungsstraße die Rede, das dürfte weltrekordverdächtig sein…“